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Quelle: Info-Dossier Nr. 8/2009 Fische von tier-im-fokus.ch
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Info-Dossier 8/2009 von tier-im-fokus.ch (tif)

Längst ist von Fischen und anderen Meerestieren nur noch in Tonnen die Rede: diese Lebewesen sind bloss eine ökonomische Grösse oder, wie im Falle der beschönigenden Bezeichnung „Meeresfrüchte“, eine kulinarische Rubrik. Dabei handelt es sich bei den meisten Meerestieren um empfindungsfähige Wesen, deren Aufzucht, Fang und Tötung alles andere als unbedenklich ist. Die Selbstverständlichkeit, in ihnen eine schier unerschöpfliche Ressource der Weltmeere zu sehen, hat zudem verheerende ökologische Auswirkungen und führt selbst neutral betrachtet auf einen Raubbau sondergleichen hinaus.

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Einleitung

Fisch und sogenannte „Meeresfrüchte“ sind beliebte Nahrungsmittel – gerade auch bei Leuten, die dem Fleischkonsum eher skeptisch gegenüber stehen.

Tatsächlich konnte in den vergangenen Jahrzehnten kein anderer Lebensmittelzweig derart zulegen wie die Fischindustrie. Heutzutage werden nach offiziellen Schätzungen jährlich rund 200 Millionen Tonnen „Fischereierträge“ erzielt. Das ist viermal mehr als noch vor 50 Jahren (Weltalmanach 2009, S. 656; Jarchau et al. 2009).

So stieg auch in der Schweiz der Konsum von Fischprodukten seit Ende der 1990er Jahre um 20% auf über 56.000 Tonnen an, darunter sind 5.000 Tonnen Garnelen, Krebse, Hummer und Krabben. Damit beträgt der jährliche pro Kopf Konsum der Schweizer Bevölkerung derzeit 7.6 kg; in Deutschland liegt er bei 15.5 kg (vgl. WWF 2007, S. 8; Greenpeace 2008b, S. 9).

Allerdings werfen die Gewinnung, die Verarbeitung wie auch der Konsum dieser von der Werbung viel gepriesenen „leichten Ernährung“ immer längere Schatten. Das Spektrum reicht von unserem moralisch fragwürdigen Umgang mit dem „schwimmenden Rohstoff“ über ökologische Bedenken bis hin zu gesundheitlichen Risiken, die anscheinend alternative Methoden der Fischindustrie in sich bergen.

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Empfinden Fische Schmerzen?

Kaum ein anderes Thema wird in der Verhaltensforschung so kontrovers und emotional diskutiert wie die Frage: Können Fische Schmerzen empfinden? (vgl. allgemein Schreckenbach & Pietrock 2005).

Während die einen der Ansicht sind, Fische würden auf bestimmte Reize allenfalls mit so etwas wie Stress reagieren (vgl. Rose 1999/2000), vertreten andere die Auffassung, dass sie nicht bloss Schmerzen, sondern auch andere bewusste Wahrnehmungen wie z.B. Angst empfinden (vgl. Portavella et al. 2004). [1]

Vergleichsweise unbestritten ist, dass Nervenendigungen in der Haut von Fischen als Schmerzrezeptoren fungieren können (vgl. Sneddon et al. 2003). Auch lassen sich bei Fischen Neurotransmitter und -modulatoren nachweisen, die bei Säugetieren für die Reizübertragung verantwortlich sind (vgl. Hoffmann & Oidtmann 2003).

Die Tatsache, dass Fische (nach heutigem Wissensstand) nicht über genau jene Hirnregionen verfügen, die beim Menschen für die psychisch- emotionale Schmerzempfindung zuständig sind (vgl. Rose 2002), ist im Urteil vieler Fachleute nicht hinreichend, um ihnen jegliches Schmerzempfinden abzusprechen.

Erstens gibt es im Tierreich eine Reihe von Beispielen, bei denen diese Funktion von anderen Strukturen wahrgenommen wird (vgl. Segner 2003). Zweitens wird bezweifelt, dass die in diesem Zusammenhang oft zugrunde gelegte und am Menschen orientierte Schmerzdefinition (von Wall 1999) ohne weiteres auf Fische übertragen werden kann (vgl. Hoffmann & Oidtmann 2003). Und schliesslich wurde nachgewiesen, dass Fische lernen können, Situationen zu meiden, die mit Schmerzen verbunden sind (vgl. Klausewitz 2003; Huntingford et al. 2006).

Angesichts dieser Befunde gelangen selbst vergleichsweise konservative Experten zum Schluss, dass wir Fischen Schmerzempfinden zuschreiben sollten, solange das Gegenteil nicht bewiesen sei (vgl. z.B. Knösche 2009, S. 26). [2]

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FragwĂĽrdige Praktiken

Dass die Debatte über das Schmerzempfinden der Fische derart hitzig geführt wird, hat einen Grund: Sollten sie tatsächlich Schmerzen empfinden, hätte dies in moralischer Hinsicht Auswirkungen auf unseren praktischen Umgang mit diesen Tieren. Denn es gibt kaum eine Methode des Fangens und Tötens von Fischen, die für sie nicht mit Schmerzen verbunden ist oder zu Stress führt.

So werden Fische bei vielen, nach wie vor gebräuchlichen Netzfangmethoden in rasantem Tempo an die Wasseroberfläche gezogen, wodurch es zu einer massiven Druckverminderung kommt und damit zu Verletzungen von Magen und Schwimmblase. Einmal an Bord der Schiffe, sterben viele von ihnen einen qualvollen Erstickungstod; die von einigen Tierschutzgesetzen vorgeschriebene Betäubung ist eine Massnahme, die auf grossen Fangflotten praktisch nicht umgesetzt werden kann (vgl. Hofmann & Oidtmann 1997, S. 486). Zudem verfangen sich viele Fische und andere Meerestiere häufig in Netzen, sie werden dadurch verletzt und – sofern nicht verwertbar – wieder ins Wasser befördert (sog. „discards“) (vgl. Greenpeace 2005).

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Mit Hochgeschwindigkeit an die Wasseroberfläche © Greenpeace

Auch die in der Angelfischerei üblichen Praktiken erweisen sich unter diesen Gesichtspunkt als fragwürdig. Man denke an das Angeln mit lebenden Köderfischen oder an die Hälterung, bei der die gefangenen Tiere nicht sofort getötet, sondern in sogenannte Setzkescher gelegt werden (das sind ins Wasser gehängte Netz- oder Drahtgehäuse), in denen sie einer fortgesetzten Stresssituation ausgesetzt sind (vgl. Goetschel & Bolliger 2003, S. 58f.).

Ähnliches gilt für weit verbreitete Techniken der Hobby- oder Wettkampffischerei wie dem „catch and release“ (Fische werden gefangen und wieder freigelassen) oder dem „put and take“ (sie werden in Teiche ausgesetzt, um dann wiederum herausgeangelt zu werden).

Schliesslich wäre auch die Aufzucht und Haltung dieser Tiere zu überdenken (s.u.). Augenfällig ist dies im Falle von Aquakulturen oder Fischfarmen, in denen Tiere, die normalerweise 10.000 und mehr Kilometer zurücklegen (wie z.B. Lachse), in 25 Meter langen Käfigen gehalten und bis zur Verkaufsreife gemästet werden, aber auch Lebendtransporte (von Hummern oder Langusten) sowie die Haltung von Speisefischen in Restaurants.

Sind wir bereit, Fischen Schmerzempfinden zuzuschreiben, ist in der Tat schwer zu verstehen, was in ihrem Fall eine „artgerechte Haltung“ oder „humane Schlachtung“ bedeuten könnte. [3]

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Bis auf den letzten Fisch

Unser Umgang mit Fischen ist aber nicht allein aus moralischer Sicht grundsätzlich zu hinterfragen. Die Fischbestände der Weltmeere schrumpfen bedrohlich, die ökologischen Auswirkungen sind immens (vgl. Clover 2004).

Laut Angaben der Welternährungsorganisation (FAO) sind von den weltweit kommerziell verfügbaren Fischbeständen bereits 52% bis an ihre Grenze genutzt, 17% sind überfischt und 7% erschöpft (vgl. FAO 2007). Schon vor Jahren zeigte ein Gutachten der EU, dass von 120 europäischen Fischbeständen zwei Drittel überfischt sind (vgl. Hassenstein 2002).

Es erstaunt daher nicht, wenn WissenschaftlerInnen bis zum Jahre 2050 einen weltweiten Kollaps der kommerziell genutzten Fischbestände prognostizieren (vgl. Worm et al. 2006).

Ein grosses Problem stellt der Beifang dar, also jener „Bestand“ an Fischen und anderen Tieren, der sich in den Netzen verfängt, kommerziell aber nicht verwertet wird.

So sterben laut Angaben von WWF jährlich an die 300.000 Wale und Delphine, ebenso viele Seevögel und rund 100 Millionen Haie in den Fischnetzen oder an den bis zu 100 km langen Angelschnüren, die mit rund 20.000 Köderhaken versehen sind (WWF 2007, S. 3f.). Die FAO spricht insgesamt von 20 Millionen Tonnen Beifang pro Jahr, das ist ein Viertel des weltweiten Wildfangs (FAO 2007).

Tabelle 1: Fanggeräte und Beifang-Quote in % (Auswahl); Quelle: WWF 2007, S.

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Gerade die Fischerei mit Grundschleppnetzen gilt als eine der verheerendsten Fangmethoden. Diese Netze dringen mit ihrem schweren Geschirr mittlerweile bereits in 2.000 Meter Tiefe vor. Dadurch werden empfindliche Ökosysteme wie Korallenriffe – einzigartige Lebensräume für Tausende von Tierarten – unwiderruflich zerstört, es werden Bodenlebewesen buchstäblich unterpflügt und Tiefseeberge massiv beschädigt (Greenpeace 2008a, S. 2). [4]

Ein weiteres Problem stellt die illegale Fischerei dar. Behörden schätzen den Gesamtumsatz der „Piratenfischer“, die mit ihren industriellen Fangschiffen sämtliche internationalen Abkommen umgehen, auf weltweit 10 Milliarden US-Dollar pro Jahr.

Auch aus diesem Grund verlangen etliche Organisationen eine Rückverfolgbarkeit von Fischprodukten: die KonsumentInnen sollen mittels einer vollständigen Kennzeichnung der Produkte die gesamte Kette von der Fangflotte bis zum Supermarktregal nachvollziehen können (vgl. Totz 2008a).

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Subventionierte Ăśberfischung der Meere

Angesichts der drohenden Überfischung der Meere rufen Umweltverbände zu einem raschen und konsequenten Übergang zu nachhaltiger oder, wie es auch heisst, ökologischer Fischerei auf. Dazu gehören die Erhaltung von Ökosystemen, die Abschaffung des Beifangs oder die Errichtung von Schutzzonen mit unbedingten Fangverboten (Greenpeace 2004a).

Zugleich fordern diese Organisationen ein rigideres Fischereimanagement und richten sich dabei auch an die Regierungen. Diese setzen in vielen Fällen die Fangquoten deutlich über den Empfehlungen der WisserschaftlerInnen an, sie führen häufig nur wenig wirkungsvolle Kontrollen durch und erteilen geringe Strafen.

In diesem Zusammenhang sind auch an die erheblichen Subventionen der Fischerei zu denken. Um den geschätzten Umsatz von rund 70 Milliarden US-Dollar aus der jährlichen Fangmenge zu erzielen, werden weltweit über 15 Milliarden US-Dollar für Subventionen ausgegeben (vgl. Hassenstein 2002; Clover 2004, S. 176f.).

Allein in der EU betrugen sie für die Periode 2000 bis 2006 3.7 Milliarden Euro. Dabei wurden 270 Millionen Euro auf Grund von 26 Fischereiabkommen eingesetzt; 17 davon sichern den Zugang zu Gewässern von Entwicklungsländern, so etwa in Westafrika und Argentinien. Dort dauerte es weniger als ein Jahrzehnt, bis der Fischereiboom wieder einknickte: Europäische Fangflotten plünderten die gesamte Küste, so dass der Bestand des noch in den 1980er Jahren massenhaft vorkommenden Seehechtes mittlerweile vor dem Kollaps steht.

Dass es mitunter teuer zu stehen kommt, ausländische Fischer in die Gewässer von Entwicklungsländern zu lassen, räumt auch UNEP-Chef Klaus Töpfer ein: „Die Überfischung durch solche Flotten kann die Armut noch vergrössern.“ (zit. in Hassenstein 2002).

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Aquakulturen: die Alternative?

Den Bedarf des Menschen an Fisch und anderen Meerestieren können die Gewässer dieser Welt schon lange nicht mehr decken.

Als Alternativen werden Aquakulturen angelegt, die bisweilen als „Massentierhaltungen im Wasser“ bezeichnet werden (vgl. Greenpeace 2004b). Neutral gesagt, handelt es sich dabei um die gezielte Produktion von Wasserorganismen unter kontrollierten Bedingungen. Typische Anlagen sind stehende Gewässer wie Teiche oder künstliche Behältnisse sowie Systeme mit durchfliessendem Wasser wie Fliesskanäle (raceways). Aquakulturen im Meer, die häufig auf Netzgehegen basieren, werden auch „Marikulturen“ genannt.

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Massentierhaltung unter Wasser in Norwegens Buchten © Greenpeace

Tatsächlich boomt die Aquakultur mit einem Zuwachs von mehr als 10% im Jahr wie kein anderer Zweig der Tierindustrie. Bereits jetzt stammen fast 30% des gesamten „Seafood“ aus solchen Anlagen; die FAO geht davon aus, dass in zwanzig Jahren die Hälfte des Bedarfs an Speisefische durch Aquakulturen gedeckt wird (vgl. FAO 2007). [5]

Der Preis fĂĽr diese neue Nahrungsquelle ist allerdings in verschiedener Hinsicht sehr hoch.

  • Dichte Fischbestände: Aquakulturen sind ausnahmslos intensive Haltungen mit einer grossen Anzahl an Fischen auf engstem Raum (hohe Besatzdichte). Aufgrund der eingeschränkten Bewegungsfreiheit, fehlender RĂĽckzugsmöglichkeiten und mangelnder Anreize können Aquakulturen auch nach den Standards des Tierschutzes nicht als art- oder tiergerecht bezeichnet werden. Diese Form der Hälterung fĂĽhrt nachweislich zur gegenseitigen Verletzung der Tiere und erhöht Aggressivität, Revierkämpfe sowie Kannibalismus (vgl. Schmidt 2002, S. 214).
  • Einsatz von Chemikalien und Antibiotika: Die in unnatĂĽrlich grossen und dichten Verbänden gehaltenen Tiere sind grundsätzlich krankheitsanfälliger als Wildfische und benötigen deshalb Mittel gegen Parasiten sowie Antibiotika, die zudem Ă–kosysteme sowie die menschliche Gesundheit gefährden können (s.u.).
  • ĂśberdĂĽngung der Gewässer: Aufgrund nicht vollständig verzehrter Nahrung, Ausscheidungen der Fische und toten Tieren kommt es zur ĂśberdĂĽngung natĂĽrlicher Gewässer durch Abwasser. So erzeugen Lachsfarmen in Norwegen mittlerweile etwa gleichviel Abwasser wie die 4.6 Millionen Einwohner des Landes (vgl. Schmidt 2002, S. 215).
  • Beeinträchtigung empfindlicher Ă–kosysteme: Der Bau von Zuchtanlagen fĂĽhrt namentlich in Asien und SĂĽdamerika zu erheblichen Verlusten von Mangrovenwäldern, die als natĂĽrliche Wellenbrecher dienen und Brutstätten fĂĽr zahlose Fischarten bieten (vgl. Greenpeace 2008b, S. 6). So gingen im Mekong-Delta seit 1975 etwa 70% der Mangrovenbestände verloren, wobei ein grosser Teil dieser Verluste der Garnelenzucht zuzurechnen ist.
  • Verlust der Artenvielfalt (Biodiversität): Immer wieder brechen Tiere aus Aquakulturen aus und vermischen sich mit natĂĽrlichen Beständen oder verdrängen sie. So sind in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts etwa 1 Million atlantischer Lachse aus Fischfarmen der amerikanischen WestkĂĽste entkommen und haben sich ausserhalb ihres vorgesehenen Verbreitungsgebietes etabliert.
  • Maritime „Veredelungsverluste”[6]: Fleischfressende Zuchtfische benötigen fĂĽr die Mast tierisches Eiweiss, das in der Regel aus Wildbeständen gewonnen wird. Tatsächlich werden von 85 Millionen Tonnen Fisch aus dem Meer durchschnittlich 30 Millionen Tonnen zu Fischmehl und Fischöl verarbeitet und mehrheitlich an Zuchtfische verfĂĽttert. Um 1 kg Fisch aus Zuchten zu produzieren, werden rund 4 kg Fisch aus Wildfang benötigt; in der Thunfischmast sind es bis zu 20 kg (vgl. Greenpeace 2008b, S. 7). Werden Beifang und FĂĽtterung hinzugezählt, sind fĂĽr die 56.000 Tonnen Fisch- und Meeresprodukte, die in der Schweiz jährlich konsumiert werden (95% davon sind importiert), insgesamt 250.000 Tonnen Meerestiere nötig (vgl. WWF 2007, S. 8f.). Mit anderen Worten benötigt die Fischzucht im Falle fleischfressender Tiere mehr Fisch als sie erzeugt und trägt damit paradoxerweise zur Ăśberfischung der Meere bei. [7]

Angesichts dieser Befunde darf ernsthaft in Zweifel gezogen werden, ob traditionelle Aquakulturen die bestehenden Probleme der Fischerei lösen können; im Gegenteil, sie scheinen sie sogar zu verstärken (vgl. Naylor et al. 2000).

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Leicht, bekömmlich und – gesund?

Fisch gilt als gesund. Grund dafür sind hochwertige Proteine, Jod und besonders die Docosahexaensäure (DHA) und Eicosapentaensäure (EPA). Sie gehören beide zur Gruppe der ungesättigten Omega-3-Fettsäuren und kommen – anders als die α-Linolensäure, die ebenfalls zu dieser Gruppe zählt und hauptsächlich über Pflanzenöle aufgenommen wird – überwiegend in fettreichen Meerestieren vor (z.B. Hering, Thunfisch, Lachs).

Zahlreiche Studien haben bestätigt, dass sich Omega-3-Fettsäuren auf Risikofaktoren für diverse Zivilisationskrankheiten günstig auswirken können (vgl. Dittrich 2000). Bis vor wenigen Jahren war man sich denn auch weitgehend darin einig, dass diese Effekte v.a. auf die Säuren EPA und DHA zurückzuführen sind, was zu einem regelrechten Fischöl-Kapsel-Hype geführt hat (vgl. Zittlau 2006).

Inzwischen liegen allerdings Untersuchungen vor, die solche Zusammenhänge nicht bestätigen können und in gewissen Fällen sogar gegenteilige Resultate hervorbringen (vgl. z.B. Hooper et al. 2006; MacLean et al. 2006).

So fand man keine schlagkräftigen Beweise für die Behauptung, dass sich Fettsäuren des Fischöls positiv auf Herz-Kreislauferkrankungen, Schlaganfälle, ja sogar auf die Lebenserwartung auswirken; ebenso wenig konnte ein Effekt auf die Entstehung von Krebs nachgewiesen werden.

Stattdessen stellte man in einer Studie an etwa 3.000 PatientInnen mit Angina pectoris fest, dass sich die besagten Säuren durchaus negativ auswirken können. Zwar sollte sich laut Prognosen der Zustand der PatientInnen aufgrund wöchentlicher Fischmahlzeiten bzw. durch Einnahme von Fischölkapseln verbessern; doch starben die Personen auf lange Sicht deutlich häufiger an plötzlichem Herz-Kreislauf-Versagen, was für gewisse Experten ein klarer Hinweis darauf ist, dass Omega-3-Fettsäuren unter bestimmten Bedingungen Herzrhythmusstörungen fördern können (vgl. Hooper et al. 2006).

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Diese negativen Befunde sind für viele Fachleute zwar noch kein Grund, generell vor Fischöl zu warnen. Allerdings sind die Stimmen derer, welche die positiven Effekte des Fischkonsums über alles stellen, deutlich weniger zu vernehmen als noch vor einigen Jahren. [8]

Das hat u.a. auch damit zu tun, dass der Fischkonsum in der heutigen Zeit (der Aquakulturen) ohnehin mit notorischen Problemen behaftet ist (vgl. Baumann 2006). Dazu gehören die Quecksilberbelastung, die besonders bei fettreichen Raubfischen auftritt (also bei Fischen mit dem höchsten Anteil an EPA und DHA), die Cadmiumbelastung v.a. bei Weichtieren sowie Rückstände von Antibiotika und Pestiziden, die in Fischprodukten vermehrt nachgewiesen werden (vgl. Kallee 2005; Totz 2008b). [9]

Nicht zuletzt ist in solchen Zusammenhängen immer auch darauf hinzuweisen, dass unser Gesundheitszustand durch vielerlei Faktoren bestimmt wird. Sofern das unsere Ernährung betrifft, gilt als erwiesen, dass sich den meisten Zivilisationskrankheiten vorbeugen lässt, indem man weniger Fette sowie gesättigte Fettsäuren und stattdessen einen hohen Anteil an komplexen Kohlenhydraten und Ballaststoffen zu sich nimmt – eine Form von Prophylaxe, die nachweislich durch eine vorwiegend oder ausschliesslich pflanzliche, vegane Ernährungsform garantiert ist (vgl. Walsh 2003).

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Zusammenfassung

Längst ist von Fischen und anderen Meerestieren nur noch in Tonnen die Rede: diese Lebewesen sind bloss eine ökonomische Grösse oder, wie im Falle der beschönigenden Bezeichnung „Meeresfrüchte“, eine kulinarische Rubrik.

Wagt man indes einen Blick über den Tellerrand hinaus und stellt das anscheinend bekömmliche und gesunde Produkt in einen grösseren Zusammenhang, kann sich die Sichtweise verändern: Die meisten Meerestiere sind empfindungsfähige Wesen, deren Aufzucht, Fang und Tötung alles andere als unbedenklich ist. Unsere Haltung, in ihnen wie selbstverständlich eine schier unerschöpfliche Ressource der Weltmeere zu sehen, hat zudem verheerende ökologische Auswirkungen und führt zu einem Raubbau sondergleichen.

Die vermeintliche Alternative, den Bedarf an diesen Produkten unter widernatürlichen Bedingungen in Zuchtfarmen zu decken, vermag diese Probleme bislang nicht zu lösen; im Gegenteil, sie werden dadurch nur verschärft. Im Übrigen auch mit Blick auf unsere Gesundheit. Falls der Verzehr von Fisch für uns gesundheitliche Vorteile haben sollte, lassen sie sich auch mit einer pflanzlichen Ernährung erzielen – und die Risiken liessen sich vermeiden, indem man auf den Fischkonsum verzichtet.

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Fussnoten

[1] Die Auffassung, Fische würden keine Schmerzen empfinden, sondern „höchstens in Panik geraten, wenn sie gefangen werden“, ist auch unter FischzüchterInnen verbreitet; vgl. stellvertretend den Beitrag „Was heisst human töten?“ in der Berner Zeitung vom 9. April 2009.

[2] Darüber hinaus gibt es eine Reihe von Untersuchungen, die bei einzelnen Meerestieren (wie etwa Hummern, Tintenfischen und Krebsen) ein komplexes Verhaltensrepertoire nachweisen, das auf Schmerzempfinden sowie einem ausgeprägten Erinnerungsvermögen basiert; vgl. z.B. Hochner 2006; Elwood & Appel 2009.

[3] „Artgerechte Haltung“ und „humane Schlachtung“ bezeichnen im ethischen und z.T. auch gesetzlichen Tierschutz Kriterien, unter denen die Nutzung von Tieren durch den Menschen moralisch gerechtfertigt ist.

[4] Organisationen wie der WWF steuern einen reformistischen Kurs und engagieren sich für die Entwicklung alternativer Fangmethoden wie z.B. Netze mit weiteren Maschengrössen, Sortiergitter, Fluchtklappen für Meeressäuger usf. (WWF 2007, S. 5). Demgegenüber setzen sich Vereinigungen wie die Sea Shepherd Conservation Society (SSCS) unter der Leitung von Paul Watson für die totale Abschaffung solcher Praktiken ein; vgl. Heller 2007.

[5] Rund 85% aller Meerestiere aus Zuchtfarmen stammen aus Entwicklungs- und Schwellenländern. China deckt mittlerweile 70% der weltweiten Aquakultur-Produktion ab (vgl. Weltalmanach 2009, S. 656). In Shrimps-Farmen wurden allein im Jahr 2003 mehr als 1.6 Millionen Tonnen Krebstiere mit einem Marktwert von rund 9 Milliarden US-Dollar herangezogen. Diese Zahlen verraten einiges über die ökonomischen Vorteile, die man Aquakulturen zuschreibt: Fischprodukte lassen sich zu niedrigeren Preisen erzeugen, die Bestände sind kontinuierlich und planbar. Zudem sollen diese Anlagen den Menschen v.a. in asiatischen Regionen eine neue Existenzgrundlage ermöglichen (sog. „Blaue Revolution“).

[6] Unter „Veredelungsverlust“ wird in der Agrarpolitik die (je nach Perspektive: verschwenderische) Umwandlung pflanzlicher Nahrungsmittel in tierliche Produkte bezeichnet. So werden für die Produktion von 1 kg Fleisch (je nach Tierart) 7 bis 16 kg Getreide bzw. Soja benötigt; vgl. dazu das Info-Dossier Nr. 3/2009 Nutztiere und Klimawandel.

[7] Um dieses Problem zu bewältigen, hat die EU schon vor Jahren WissenschaftlerInnen der Universität Aberdeen damit beauftragt, probehalber aus Lachsen Pflanzenfresser zu machen, damit sie sich mit Getreide füttern lassen (vgl. Schmidt 2002). Lachs ist heute zu einem Massenprodukt geworden, er wird von Gourmets oft als „Mastschwein des Meeres“ verspottet, aber offenbar gleichwohl überaus gern verzehrt; allein in Deutschland sind es jährlich 70 Millionen Tonnen.

[8] Natürlich gibt es Ausnahmen. In Zittlau 2006 wird z.B. der Arbeitskreis Ernährung- und Vitamin-Information (Evi) zitiert, demzufolge die tägliche Zufuhr von Fischölpräparaten unerlässlich sei. Allerdings gilt es anzumerken, dass Evi von Hoffmann-La Roche finanziert wird, einem Pharmakonzern, der bekanntlich viel Geld mit Fischölkapseln aller Art verdient.

[9] Quecksilber gehört zu den häufigsten Umweltgiften, die Fische aus ihrem Lebensraum anreichern; das gilt v.a. bei Aalen, Makrelen und Thunfischen (vgl. Totz 2008b). So können Schwertfische mit einem Gewicht von über 80 kg nicht mehr in die EU importiert werden, da sie die Grenzwerte deutlich überschreiten. 2005 führte Greenpeace eine Studie zu Schadstoffen bei Aalen durch, wobei in fast allen Tieren erhebliche Mengen an Industriechemikalien nachgewiesen wurden; vgl. Kallee 2005.

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Quellen

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