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Veganismus

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Quelle: Info-Dossier Nr. 1/2009 Veganismus von tier-im-fokus.ch
Copyright: tier-im-fokus.ch
URL dieser Seite: www.tier-im-fokus.ch/info-material/mensch_und_tier/veganismus

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Wer vegan lebt, konsumiert keine tierlichen Produkte. Das wird nicht selten als „radikal“ empfunden. Doch ist nicht auszuschliessen, dass sich diese Einschätzung bereits in absehbarer Zeit relativieren wird. Der Umgang des Menschen mit Tieren ist ihm in nahezu allen Bereichen zur Last geworden. Das Spektrum reicht von negativen Auswirkungen der Nutztierhaltung auf unsere Umwelt bis hin zu gesundheitlichen Risiken, die der Konsum tierlicher Produkte immer häufiger in sich birgt. Falls Probleme dieser Art zu den Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte gehören – und einiges deutet darauf hin –, wird zwangsläufig auch die vegane Lebensweise zum Thema werden.

Was heisst „vegan“?

Der Ausdruck „vegan“ geht auf den Briten Donald Watson (1910-2005) zurück. Er setzt sich aus Anfang und Ende des Begriffs „vegetarian“ zusammen, der seinerseits erstmals 1839 auftaucht und aus „vegetation“ (Pflanzenwelt) und „vegetable“ (pflanzlich, Gemüse) abgeleitet ist.

Für die Gruppe um Watson, die am 1. November 1944 die erste vegane Gesellschaft – Vegan Society – gründete, hatte dieser neue Name Symbolkraft. Ihrer Ansicht nach sollte der Veganismus mit dem Vegetarismus beginnen und ihn konsequent zu Ende führen.

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Donald Watson © Vegan Society UK

Tatsächlich war Watson der Überzeugung, dass die vegetarische Lebensweise in ethischer Hinsicht zu wenig durchdacht sei. Zwar möchten VegetarierInnen mit dem Verzicht auf Fleisch und Fisch vermeiden, dass ihretwegen Tiere leiden und getötet werden müssen. Wer aber Milch- oder Eiprodukte konsumiert – so Watson in der ersten Ausgabe der Vereinsbroschüre „The Vegan News“ –, sei zumindest indirekt für die Qual und den Tod von Tieren verantwortlich (vgl. Watson 1944).

Davon abgesehen, dass auch Legehennen und Milchkühe wie alle anderen Nutztiere im Schlachthof enden, nachdem sie ihre Leistungen nicht mehr erbringen, sind im Falle der Eiproduktion gut die Hälfte aller Küken männlichen Geschlechts; da sie Legehennen naturgemäss nicht ersetzen können und auch anonsten nicht zu „verwerten“ sind, werden sie vergast, verschreddert oder vermust. Im Falle der Milchproduktion können Kühe nur dann diese enormen Mengen an Milch abgeben, wenn sie jährlich besamt werden und Kälber gebären, die zum Grossteil schon nach der Geburt aussortiert, gemästet und anschliessend für den menschlichen Verzehr geschlachtet werden. [1]

Der Ausdruck „Veganismus“ bezeichnet aber nicht bloss eine alternative Ernährungsform. Gemäss Definition der Vegan Society besteht die vegane Lebensweise darin,

„soweit wie möglich und praktisch durchführbar, alle Formen der Ausbeutung und Grausamkeiten an Tieren für Essen, Kleidung und andere Zwecke zu vermeiden und darüber hinaus die Entwicklung tierfreier Alternativen zu fördern, was dem Nutzen der Tiere, Menschen und der Umwelt dienen soll.“

Mit anderen Worten steht „Veganismus“ für den Verzicht auf sämtliche tierliche Produkte oder, je nach Einstellung, für deren Boykott.

Wer vegan lebt, konsumiert keine tierlichen Lebensmittel, trägt keine Kleider aus Leder, Pelz, Wolle oder Seide, bettet sich nicht in Daunen, benutzt keine Produkte, die an Tierversuchen getestet wurden, beteiligt sich nicht an der Jagd oder Anglerei und meidet Orte und Veranstaltungen, an denen Tiere ausgestellt, vorgeführt oder auf andere Tiere gehetzt werden.

Dabei ist auch VeganerInnen bewusst, dass menschliches Leben ohne Beeinträchtigung anderer Lebewesen praktisch unmöglich ist. Entsprechend wird häufig hervorgehoben, die vegane Lebensweise bestehe in der „Vermeidung des Vermeidbaren“. Was im jeweiligen Fall als „vermeidbar“ gilt, wird allerdings heftig diskutiert und hängt im Wesentlichen davon ab, aus welchen Gründen man sich für die vegane Lebensweise entscheidet (s.u.). Vergleichsweise unbestritten ist der Verzicht auf tierliche Nahrungsmittel, weshalb die Ernährung häufig als kleinster gemeinsamer Nenner unter vegan lebenden Menschen betrachtet wird.

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Formen des Vegetarismus

Aus ernährungswissenschaftlicher Sicht gehört der Veganismus in die Gruppe vegetarischer Ernährungsstile (vgl. Leitzmann et al. 2005, S. 12ff.).

In seiner ursprünglichen Bedeutung bezeichnet der Ausdruck „Vegetarismus“ eine pflanzliche Ernährungsform. Allerdings greift die Definition „vegetarisch = pflanzlich“ zu kurz, da sich in aller Regel auch KarnivorInnen (FleischesserInnen) von pflanzlichen Lebensmitteln ernähren, weshalb sie als OmnivorInnen (AllesesserInnen) bezeichnet werden. Dasselbe gilt für sogenannte Semi-VegetarierInnen, die wenig Fleisch konsumieren und sich überwiegend pflanzlich ernähren, oder für PescetarierInnen, die zwar auf rotes Fleisch verzichten, aber je nach Gusto Geflügel, Fisch oder andere „Meeresfrüchte“ verzehren. Und natürlich trifft das auch (jedenfalls im landläufigen Sinne des Wortes) auf VegetarierInnen zu, die ebenfalls tierliche Nahrungsmittel wie Milch- und Eiprodukte konsumieren. Selbst für die vegane Ernährung ist die Bezeichnung „rein pflanzlich“ eigentlich irreführend, da VeganerInnen häufig auch Pilze verzehren. [2]

Präziser ist daher die Verwendung des Ausdrucks „vegetarisch“ für eine Ernährungsform, bei der auf Fleisch- und Fischprodukte aller Art verzichtet wird. Allerdings lässt auch diese Definition offen, welche Lebensmittel VegetarierInnen darüber hinaus meiden. Grundsätzlich werden vier Formen des Vegetarismus unterschieden:

  • Ovo-Lakto-Vegetarismus: Ernährungsform, bei der nichts verzehrt wird, das aus dem Körper getöteter Tiere stammt, d.h. kein Fleisch, Geflügel, Fisch, keine Gelatine, Schlachtabfälle etc. Zumindest im deutschsprachigen Raum wird „vegetarisch“ in der Regel mit dieser Ernährungsform gleichgesetzt.
  • Lakto-Vegetarismus: Ernährungsform, bei der zusätzlich auf Eiprodukte verzichtet wird, nicht aber auf Milch oder Milchprodukte.
  • Ovo-Vegetarismus: Ernährungsform, bei der zusätzlich zwar auf Milch oder Milchprodukte verzichtet wird, nicht aber auf Eiprodukte.
  • Veganismus: Ernährungsform, bei der auf sämtliche tierlichen Nahrungsmittel verzichtet wird.

Gemäss dieser Einteilung ernähren sich also auch vegan lebende Mensch vegetarisch; und zwar deshalb, weil sie ebenfalls auf Fleisch- und Fischprodukte aller Art verzichten. Was sie von den übrigen VegetarierInnen unterscheidet, ist der Umstand, dass sie sämtliche tierlichen Nahrungsmittel meiden, also auch Milch- und Eiprodukte sowie z.B. Honig. Aus diesem Grund wird der Veganismus mitunter auch „strikter Vegetarismus“ genannt.

Tabelle 1: Formen vegetarischer Ernährung

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Seit einigen Jahren werden in vielen Ländern Labels verwendet, welche insbesondere Nahrungsmittel für die KonsumentInnen als „vegan“ auszeichnen sollen. Dazu gehört das V-Label der European Vegetarian Union (EVU) mit dem Zusatz “vegan” oder die Vegan-Blume (Vegan Trademark) der britischen Vegan Society, die auf Hygieneartikeln (z.B. Shampoos) zu finden ist und zudem garantiert, dass diese Produkte bzw. die darin enthaltenden Inhaltsstoffe nicht an Tierversuchen getestet wurden.

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Formen des Veganismus

Selbst wenn man unter „Veganismus“ zunächst nur eine bestimmte Ernährungsweise versteht, lassen sich darüber hinaus verschiedene Varianten unterscheiden. Dazu gehören v.a. die folgenden, die sich gegenseitig nicht ausschliessen müssen bzw. teilweise miteinander kombinierbar sind:

  • Bio-Veganismus: Ernährungsform, bei der nur pflanzliche Lebensmittel konsumiert werden, die unter ökologischen Gesichtspunkten hergestellt werden. Häufig wird zudem darauf geachtet, dass diese Nahrungsmittel nach den Prinzipien des Fairen Handels (Fairtrade) produziert (vgl. Mettke 2006) und nur in der entsprechenden Saison konsumiert werden.
  • Frutarismus (oder Fruganismus): Ernährungsform, bei der nur pflanzliche Lebensmittel konsumiert werden, die nicht zur Zerstörung oder Schädigung der Pflanzen führen, von denen diese Produkte stammen. Frutarisch lebende Menschen konsumieren demnach zwar Obst, Tomaten, Bohnen, Erbsen, Nüsse, Samen, Beeren usw., aber keine Wurzel-, Knollen-, Blatt- oder Stängelteile (z.B. Kartoffeln, Lauch, Spinat, Rüben).
  • Vegane Rohkost: Ernährungsform, bei der man sich auf die pflanzlichen Teile der Rohkosternährung beschränkt. Der Zusatz „pflanzlich“ ist deshalb erforderlich, weil Rohkost genau genommen für eine Ernährungsweise steht, die sowohl unerhitzte pflanzliche als auch unerhitzte tierliche Nahrungsmittel enthält (z.B. rohes Fleisch, Eier, Rohmilch usw.) (vgl. Debra et al. 2005). Im englischsprachigen Raum werden vegane RohköstlerInnen mitunter auch „new vegans“ genannt.
  • Freeganismus: Politisch oder weltanschaulich motivierte Ernährungsform, die sich im Boykott der Überfluss- und Wegwerfgesellschaft ausdrückt und bei der pflanzliche „Abfallprodukte“ konsumiert werden. Der Freeganismus ist eine vergleichsweise neue Erscheinungsform. Die übliche Praxis freegan lebender Menschen ist das „containern“ oder „Mülltonnentauchen“ (dumpster diving); sie besteht in der Suche und Verwertung von „Abfall“, der von Händlern, Supermärkten oder Privatpersonen weggeworfen wird. Zwar setzt sich der Ausdruck „Freeganismus“ aus den Wörtern „free“ (umsonst, gratis, frei) und „(ve)gan“ zusammen. Doch gibt es freegans, die auch tierliche Abfallprodukte konsumieren. Häufig wird dies mit dem Argument gerechtfertigt, dass solche Produkte nicht mehr Teil des Marktmechanismus sind und ihr Konsum somit keine direkte Steigerung der Nachfrage bzw. keine Ausbeutung der Tiere mehr verursacht, was allerdings kontrovers diskutiert wird (vgl. Falkner 2006 und Stösser 2006).

Schliesslich ist mitunter vom Pudding-Veganismus die Rede. Allerdings wird dieser Ausdruck negativ verwendet; er steht für eine ausgesprochen einseitige Ernährungsform, die stark verarbeitete Produkte mit einer hohen Energiedichte, jedoch mit nur geringen Mengen an Vitaminen, Mineralstoffen usw. umfasst.

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Wieso vegan?

Wie bereits erwähnt, wird der Veganismus häufig mit einer alternativen Ernährungsform assoziiert. Und tatsächlich führen etliche Personen vorwiegend ernährungsbezogene bzw. gesundheitliche Gründe für ihren veganen Lebenstil an (vgl. Grube 2006, S. 50ff. (Kurzversion); Leitzmann 2007, S. 24f.):

  • Gesundheit: Gesundheitliche Motive betreffen u.a. die Vorbeugung und Heilung diverser Zivilisationskrankheiten, eine ausgewogene sowie gesunde Ernährung oder die Steigerung der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit.

Gesundheitliche Motive gründen zumeist auf ernährungswissenschaftlichen Studien, die in den vergangenen Jahren vermehrt zu einer positiven Bewertung der veganen Ernährung gelangten (vgl. z.B. Langley 1988; Walsh 2003).

Allerdings wäre es sachlich unzulässig, den Veganismus auf eine spezielle Kostform zu reduzieren. Es gibt darüber hinaus – und weitgehend unabhängig von gesundheitlichen Gründen – viele Motive, sich dafür zu entscheiden, vegan zu leben. Nicht selten führen diese Beweggründe dazu, dass die traditionelle Mensch-Tier-Beziehung grundsätzlich hinterfragt wird, was entsprechend eine Kritik an fast allen Formen der Nutzung von Tieren für menschliche Zwecke zur Folge hat (vgl. Clements 1995; Rinas 2000; Witten 2001; Nabben 2003; Ruthenberg 2007; Henrich 2009; TRGZH 2009).

Zu den häufigsten Motiven gehören die folgenden (vgl. Leitzmann & Hahn 1996; S. 18; Grube 2006, Kap. 1.6; Kurzversion):

  • Ethik: Die Motive für einen ethischen Veganismus betreffen u.a. Mitleid mit Tieren, eine faire Abwägung der Interessen von Mensch und Tier (Gleichheitsprinzip), die Aufhebung willkürlicher Grenzen zwischen Menschen und anderen Tieren (Anti-Speziesismus) oder die Forderung nach gesellschaftlicher Anerkennung fundamentaler Rechte für Tiere wie z.B. das Recht auf Leben, Unversehrtheit und Freiheit (Tierrechte).

Der ethische Veganismus wird häufig philosophisch, d.h. innerhalb der sogenannten Tierethik verteidigt, wobei das Spektrum der Positionen mittlerweile sehr breit ist (vgl. Garner 2005). Streng genommen lässt sich der ethische Veganismus nur mit einer Theorie begründen, die auf ein allgemeines Instrumentalisierungsverbot von Tieren hinausläuft und aufzeigt, dass der Nutzungsanspruch des Menschen an Tieren moralisch nicht zu rechtfertigen ist (z.B. Regan 1985) bzw. dass wir Tiere nicht weiter als unser Eigentum behandeln sollten (vgl. Francione 2000 sowie eine animierte Darstellung seiner Theorie).

Umfragen zufolge führen die meisten Personen v.a. ethische Gründe für ihren Veganismus an. Bereits in einer Studie aus dem Jahre 1979 waren dies 83% der Befragten (vgl. Brooks & Kemm 1979); in zwei weiteren Erhebungen von 1999 und 2007 gaben rund 93% der Personen an, aus ethischen Gründen vegan zu leben (vgl. Grube 2006 (Kurzversion); Becvar et al. 2007 sowie Abb. 1).

  • Herrschaftskritik: Herrschaftskritische Argumente richten sich u.a. gegen die Vorrangstellung des Menschen gegenüber anderen Tieren sowie gegen die willkürliche Diskriminierung und Ausbeutung von menschlichen sowie nicht-menschlichen Tieren als Resultat gesellschaftlicher oder politischer Machtverhältnisse.

Häufig sind herrschaftskritische Überlegungen mit soziologischen Thesen über die Mensch-Tier-Beziehung verknüpft (vgl. Benton 1993; Noske 1997; Mütherich 2004; Mütherich 2005), mit einer feministischen Kritik an patriachalen Strukturen (vgl. Adams 1990; 2004; Dunayer 2001) oder mit ökologisch-ökonomischen Analysen zur Rolle von Lebewesen bzw. der Natur als Ressourcen, die für den Menschen jederzeit verfügbar sind (vgl. Bookchin 1977; Torres 2007).

  • Ökologie: Ökologische Gründe beziehen sich u.a. auf die durch Massentierhaltungen bedingten Umweltbelastungen, so z.B. Wasser- und Landverbrauch (Rodung von Tropenwäldern), Überdüngung, Gülle, saurer Regen und Klimawandel.

Offenbar werden ökologische Erwägungen zunehmend relevanter, wie auch diverse Untersuchungen über die Umweltbelastungen insbesondere der Nutztierhaltung belegen (vgl. SVV 2008). So hat eine Studie der Welternährungsorganisation (FAO) aus dem Jahre 2006 ergeben, dass 18% der globalen Treibhausgasemissionen zulasten der Nutztierhaltung gehen; dabei wird dieser Zweig der Tierindustrie für 37% aller Methan-Ausstösse, für 65% der gesamten Lachgas-Emissionen und für 68% der Ammoniak-Verschmutzungen verantwortlich gemacht (vgl. FAO 2006).

  • Ökonomie: Mitunter versuchen Privatpersonen durch den Kauf von pflanzlichen Lebensmitteln zu sparen. Im gesellschaftlich-politischen Sinne erstrecken sich ökonomische Motive auf die teilweise fragwürdige Subvention der Tierindustrie, auf die Herstellung tierlicher Produkte in Schwellen- und Entwicklungsländern oder auf die Welternährungssituation.

Schliesslich gibt es auch religiös-spirituelle Gründe für eine vegane Lebensweise. Sie haben in der Tradition immer wieder eine Rolle gespielt, sei es für einzelne Figuren oder ganze Gruppierungen (z.B. Jainismus, Siebenten-Tags-Adventisten, Universelles Leben). Untersuchungen zufolge treten sie heutzutage aber insbesondere bei Jugendlichen in den Hintergrund oder haben überhaupt keine Bedeutung mehr (vgl. Grube 2006, S. 121; Kurzversion).

  • Religion: Zu religiösen oder spirituellen Motiven zählen u.a. das Töten von Tieren als Sünde oder grundlegendes Unrecht, der Verzicht auf Fleischverzehr im Sinne eines religiösen Tabus oder die generelle Ablehnung von Gewaltanwendung gegenüber empfindungsfähigen Wesen.

Die genannten Motive sind natürlich nicht unabhängig voneinander, und es werden sich kaum Menschen finden, die ausschliesslich den einen oder anderen Grund für ihren Entscheid anführen, vegan zu leben. Umgekehrt kann es sein, dass sich manche Beweggründe gegenseitig ausschliessen oder zumindest konkurrenzieren. Beispielsweise gibt es ethische VeganerInnen, die für Tiere Rechte einfordern, und zwar nicht bloss in einem moralischen, sondern auch juristischen Sinne, was unter Umständen ein staatlich erwirktes Verbot des Konsums tierlicher Produkte zur Folge hätte. Aus herrschaftskritischer Sicht kann dies problematisch sein, da Gesetze häufig als Machtinstrumente betrachtet werden; entsprechend wird kritisiert, dass mit solchen Verboten Herrschaftsverhältnisse lediglich auf eine andere Ebene gehoben werden und der Glaube an die Macht staatlicher Institutionen und Hierarchien bloss weiter zementiert wird (vgl. z.B. Dominick 1997).

Abb. 1: Auswahl von Gründen für den Veganismus in % (gerundet, Mehrfachnennungen möglich); Quelle: Grube 2006, S. 121 (Kurzversion)

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Wieviele VeganerInnen gibt es?

Wieviele VeganerInnen es weltweit gibt, lässt sich nicht genau feststellen. Die bisherigen Statistiken beruhen auf Umfragen von Vegetarierverbänden sowie Gesundheits- und Meinungsforschungsinstituten und beziehen sich allgemein auf die Anzahl vegetarisch lebender Menschen (vgl. Tabelle 2). Die vegetarische Lebensweise beschränkt sich nicht auf eine bestimmte Altersgruppe. Allerdings hat die Zahl Jugendlicher in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen (vgl. Grube 2006, S. 120ff.; Kurzversion). Das Verhältnis von Frauen und Männern wird in diesen Studien meist mit 60:40 angegeben (vgl. Leitzmann 2007, S. 38).

Tabelle 2: Anzahl VegetarierInnen in verschiedenen Ländern (Auswahl); Quelle: Leitzmann 2007, S. 38

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Statistisch gesehen gliedert sich der Vegetarismus wie folgt auf:

Abb. 2: Anteile verschiedener Formen des Vegetarismus in %; Quelle: Leitzmann 2007, S. 13

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Diesen Schätzungen zufolge lebt in den USA also rund ein Viertel Million Menschen vegan, in Grossbritannien und Deutschland sind es über eine halbe Million und in Österreich und der Schweiz gibt zwischen 20.000 und 25.000 VeganerInnen.

Dabei haben sich statistisch gesehen die meisten vegan lebenden Menschen zunächst – und nicht selten über Jahre hinweg – vegetarisch ernährt (vgl. Grube 2006, S. 114; Kurzversion). Vegetarierverbände nehmen diese biographische Entwicklung häufig als Beleg dafür, dass der (Ovo-Lakto-)Vegetarismus einen unverzichtbaren Schritt in Richtung Veganismus darstellt. Unbestritten dürfte sein, dass der Vegetarismus heutzutage in vielen Ländern eine vergleichsweise hohe Akzeptanz geniesst und es somit (sozial oder psychologisch gesehen) einfacher ist, sich für die vegetarische anstelle einer veganen Lebensweise zu entscheiden (vgl. Maurer 2002).

Interessant ist in diesem Zusammenhang allerdings die Frage, was VegetarierInnen dazu bewogen hat, von der vegetarischen auf eine vegane Lebensweise umzustellen. Den verfügbaren Studien zufolge steht dahinter nicht etwa die Idee, den vegetarischen Lebensstil allmählich auf andere Bereiche der Tiernutzung auszuweiten, sondern die Einsicht, dass der Vegetarismus von einem moralischen Standpunkt inkonsequent ist oder gar Widersprüche aufweist (vgl. Grube 2006, S. 87ff.; Kurzversion). [3]

Dabei verdanken zukünftige VeganerInnen diese Erkenntnis offenbar nicht so sehr einer gezielten Aufklärungsarbeit von Vegetarierverbänden, sondern eher Materialien, Recherchen oder Medienberichten, die v.a. von Tierrechtsorganisationen per Internet, auf Flugblättern oder in Büchern verbreitet werden (vgl. Grube 2006, S. 35ff.; Kurzversion). Tatsächlich setzen sich zahlreiche Tierrechtsvereinigungen aktiv für die Verbreitung des Veganimus ein und in manchen Ländern (wie z.B. in Österreich) gibt es sogar eine enge Zusammenarbeit zwischen Tierschutz- oder Tierrechtsvereinigungen und der Veganen Gesellschaft.

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Vegane Aufklärung und gesellschaftliche Veränderung

Der Veganismus wird bisher nur von einer Minderheit praktiziert. Hieraus zu schliessen, dass es sich dabei bloss um einen persönlichen, nach einer Handvoll selbsterlesener Prinzipien gestalteten Lebensstil handelt, wäre aber falsch.

Gerade in den vergangenen Jahren konnte sich die „vegan community“ aufgrund der zahllosen Möglichkeiten elektronischer Medien zunehmend organisieren und auch weiter ausbreiten: Es gibt heute einige tausend Websites, die eingehend über viele Facetten des Veganismus informieren. Viele dieser Seiten unterhalten Diskussionsforen, Blogs oder Podcasts und stellen Info-Broschüren zur Verfügung wie z.B. Flyer, Ratgeber, Restaurantführer, Listen von Online-Versandhäusern, Rezepte sowie umfangreiches Bild- und Videomaterial mit Bezügen zu Tierrechten, Ökologie, Gesundheit und Ernährung. [4]

Abb. 3: Gesellschaftliche Akzeptanz der Einschränkung bzw. Abschaffung der Tiernutzung; Darstellung: tier-im-fokus.ch

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Dennoch ist die gesellschaftliche Akzeptanz des Veganismus bisher gering. Einer der Gründe dürfte mit den Konsequenzen zusammenhängen, die sich aus der veganen Idee ergeben. Insbesondere der ethisch oder herrschaftskritisch motivierte Veganismus hätte eine massive Einschränkung des Nutzungsanspruchs des Menschen an Tieren oder sogar die vollständige Abschaffung der Tierindustrie zur Folge. Es liegt auf der Hand, dass derzeit nur die wenigsten bereit sind (aus welchen Gründen auch immer), diese Auffassung konkret in die Tat umzusetzen (vgl. Friedrichs 1997, S. 335f.; Cherry 2006).

Immerhin sind – wie das Abb. 3 veranschaulichen soll (s.o.) – immer mehr Menschen der Auffassung, dass wir mit Tieren nicht umgehen dürfen, wie es uns beliebt, und Tierschutzgesetze in diesem Zusammenhang eine wichtige Funktion erfüllen. Auch gibt es vermehrt Leute, die ein gewisses Unbehagen gegenüber der Nutzung von Tieren unter intensiven Bedingungen haben (Massentierhaltung) oder gewisse Praktiken der Tierindustrie generell verabscheuen (z.B. Pelztierfarmen, Tierversuche für Kosmetika, Wildtiere im Zirkus, Stierkämpfe) und die entsprechend für diese Bereiche eine Verschärfung der bestehenden Tierschutzgesetze befürworten würden.

Schliesslich scheint in gewissen Ländern der Vegetarismus (jedenfalls im Sinne einer alternativen Ernährungsform) zunehmend an Ansehen zu gewinnen. Der Veganismus dagegen wird bislang häufig als „übertrieben“, „radikal“ und mit Blick auf die Konsequenzen – nämlich die (schrittweise) Abschaffung der Ausbeutung von Tieren – als „realitätsfremd“ empfunden.

Unter den AnhängerInnen des Veganismus führt dieser Befund immer wieder zu heftigen Debatten darüber, welche Strategien und Taktiken zur Verbreitung der veganen Idee am effizientesten sind.

Der eine Vorschlag zielt auf eine Bewusstseinsveränderung des Einzelnen ab (z.B. Francione 2007; Hall 2008). Dieser Auffassung zufolge bildet der Veganismus auf einer individuellen Ebene die unhintergehbare Grundlage für einen moralisch akzeptablen Umgang mit anderen Tieren. Jedes andere Bemühen – so insbesondere der Versuch, die Tiernutzung zu „reformieren“ (s.u.) – hält an der Ausbeutung der Tiere fest und steht damit im Widerspruch zur moralischen Überzeugung, dass Tiere keine Ressourcen sind, die der Mensch nahezu nach Belieben ausnutzen darf. BefürworterInnen eines solchen „Fundamentalismus“ (Sztybel 2007) sehen entsprechend in der Aufklärung (vegan education, vegan outreach) ein geeignetes Mittel, um den Veganismus über den Kreis Gleichgesinnter hinaus bekannt zu machen und ihm auf diese Weise eine Öffentlichkeit zu verschaffen.

Die Gegenposition – mitunter Reformismus oder Neuer Tierschutz (new welfarism) genannt – gibt sich in dieser Hinsicht pessimistisch (z.B. Balluch 2008; Garner 2002; 2008). In einer Gesellschaft, die den Nutzungsanspruch des Menschen an Tieren für selbstverständlich hält, sei der vegane Lebensstil für den Einzelnen mit einem zu hohen Aufwand verbunden (vgl. Grube 2006, S. 93ff.; Kurzversion; 2009). Erfolgsversprechender sei daher die Strategie, auf der sozialen oder politischen Ebene anzusetzen. Dabei soll mit sogenannten konfrontativen Kampagnen zu Themen, die in der Öffentlichkeit bereits eine gewisse Sympathie geniessen, Druck auf die Tierindustrie erzeugt werden. Das Ziel besteht also nicht so sehr in der Bewusstseinsveränderung einzelner Personen, sondern vielmehr in einer Verschärfung bereits bestehender Gesetze. Damit wird freilich unterstellt, dass eine sukzessive Einschränkung des menschlichen Nutzungsanspruchs an Tieren irgendwann zur vollständigen Abschaffung der Tierausbeutung führt – eine These, die insbesondere von Gary Francione bestritten wird.

Allerdings gibt es auch einige, die dieser Grundsatzdiskussion eher skeptisch gegenüberstehen und einen pragmatischen Standpunkt vertreten (vgl. Marcus 2005; Phelps 2008; 2009). Demzufolge gelte es zum gegenwärtigen Zeitpunkt auf allen Ebenen zu agieren: Auf der individuellen Ebene, indem man gezielt vegane Aufklärung betreibt; auf der sozialen Ebene, indem man sich z.B. für eine bessere Verfügbarkeit veganer Produkte einsetzt oder die vegane Idee mit Themen verknüpft, die bereits gesellschaftliche Relevanz haben (z.B. Ökologie); und auf der politischen Ebene, indem man mit Kampagnenarbeit Massnahmen erwirkt, die auf Verbote gewisser Sektoren der Tiernutzung hinauslaufen.

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Zusammenfassung

Der Veganismus ist, jedenfalls bislang, keine einheitliche Doktrin mit festumrissenen Prinzipien. Es gibt viele Gründe, vegan zu leben, die sich teilweise erheblich voneinander unterscheiden.

Die überwiegende Mehrheit von VeganerInnen betrachtet ihre Lebensweise aber als Ausdruck einer moralischen oder politischen Haltung anderen Tieren gegenüber. Sie sind davon überzeugt, dass wir kein Recht haben, Tiere wie Ressourcen zu behandeln, die für uns da sind und die wir nach Gutdünken ausbeuten dürfen: Tiere gehören sich selbst, nicht uns.

Eine solche Haltung wird häufig als „radikal“ bezeichnet. Doch ist nicht auszuschliessen, dass sich diese Einschätzung bereits in absehbarer Zeit relativieren wird. Der Umgang des Menschen mit Tieren ist ihm in nahezu allen Bereichen zur Last geworden. Das Spektrum reicht von negativen Auswirkungen der Nutztierhaltung auf unsere Umwelt bis hin zu gesundheitlichen Risiken, die der Konsum tierlicher Produkte immer häufiger in sich birgt. Falls Probleme dieser Art zu den Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte gehören – und einiges deutet darauf hin –, wird zwangsläufig auch die vegane Lebensweise zum Thema werden.

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Fussnoten

[1] Oft ist zu lesen, dass Watson zu den wenigen gehörte, die sich damals kritisch mit dem Ovo-Lakto-Vegetarismus auseinandersetzten. Das trifft allerdings weder im Allgemeinen zu – die Kritik am Milch- oder Eikonsum ist so alt wie der Vegetarismus selber – noch im Besonderen: Auch innerhalb der britischen Vegetarian Society, deren Mitglied Watson zunächst war, wurde zwischen 1909 und 1944 eine permanente und hitzige Debatte über die ethischen Widersprüche des Vegetarismus geführt. Dabei kam der Herausgeber des Vereinsmagazins „The Vegetarian Messenger“ bereits 1912 zum Schluss, dass die Verteidigung des Milch- und Eikonsums alles andere als überzeugend sei; vgl. Leneman 1999. Dessen ungeachtet hat Watson die weitweit erste vegane Gesellschaft mitinitiiert, deren Gründungsdatum (der 1. November) zum jährlichen Weltvegantag ausgerufen wurde.

[2] Mitunter wird dafür argumentiert, dass der Mensch aufgrund seiner natürlichen Veranlagung eigentlich ein „Pflanzenfresser“ sei. Das dürfte kaum zutreffen: Die anatomischen sowie physiologischen Merkmale des Menschen (von der Maulöffnung über den Gärmagen bis hin zum Verhältnis von Darm und Körperlänge) weisen allenfalls darauf hin, dass eine überwiegend pflanzliche Kost als artgerechte Ernährung des Menschen bezeichnet werden darf; vgl. Koerber et al. 2004, S. 20. Davon abgesehen dürfte in diesem Zusammenhang eher von Interesse sein, unter welchen Bedingungen sich gewisse Essstile kulturell herausgebildet und verfestigt haben; vgl. Barlösius 1999, Kap. 2.

[3] Dies könnte auch erklären, weshalb die meisten Personen ethische und nicht etwa gesundheitliche Gründe für den Veganismus anführen (vgl. Abb. 1). Umgekehrt scheinen sich viele Menschen zunächst aus primär gesundheitlichen Gründen für den Vegetarismus zu entscheiden; vgl. Leitzmann 2007, S. 14ff.

[4] Überdies ist der Veganismus in gewissen Subkulturen verankert, die für jugendliche VeganerInnen offenbar eine identitätsstiftende Funktion erfüllen können (vgl. Grube 2006, S. 87ff.; Kurzversion). Eine entscheidende Rolle spielt Musik (u.a. Punk, Hardcore; vgl. Cherry 2006) sowie die (Vegan) Straight Edge-Bewegung, deren Mitglieder darüber hinaus Alkohol und Drogen meiden; vgl. Haenfler 2003; Schwarz 2005.

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Quellen

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