Louise Lind-af-Hageby, die kosmopolitische Tierrechtlerin

Zwischen internationalistischem Pazifismus und konstruktiven Tierschutz

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von Mieke Roscher // 19.12.2010

Der Court St. Pierre, No.4 in der Genfer Altstadt beherbergt heute ein Gästehaus für junge Frauen. Nichts deutet darauf hin, dass diese vornehme Adresse einmal als zentrale Anlaufstelle für die erstmals international agierende Tierschutz- und Tierrechtsbewegung fungierte. Und doch organisierte von hier aus eine Phalanx zumeist weiblicher Aktivist/innen ab Ende der 1920er Jahre die internationalen Kampagnen u.a. gegen Vivisektion, Tiertransporte, Stierkämpfe und für den Schutz von Vögeln.

Das 1928 gegründete und hier ansässige “Bureau International Humanitaire Zoophile” hatte vor allem den Völkerbund, eine Internationale Organisation und Wegbereiterin der Vereinten Nationen (UNO), im Visier, um ihrem Anliegen auf internationaler Ebene Gehör zu verschaffen und der international operierenden Ausbeutung der Tierwelt Einhalt zu gebieten. Der größte Erfolg des Genfer Büros war die Entsendung einer Delegation zur vom Völkerbund organisierten Abrüstungskonferenz 1932, die von nicht weniger als 1.400 Tierschutzgruppen weltweit unterstützt wurde.

Ziel war es nicht nur Tiere als Opfer von kriegerischen Handlungen anzuerkennen und ihnen entsprechenden Schutz zu gewähren, sondern eine grundlegende Veränderung der Mensch-Tier-Beziehung zugunsten der Pazifizierung der politischen Verhältnisse anzustoßen.

Die Netzwerkerin

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Louise Lind-af-Hageby © Defence and Anti-Vivisection Society

Drahtzieherin hinter dieser enormen Netzwerktätigkeit war die gebürtige Schwedin Louise Lind-af-Hageby, die in ihrer Wahlheimat Großbritannien zu diesem Zeitpunkt bereits eine gestandene Tierrechtsaktivistin war. Sie gehörte zu den schillerndsten Persönlichkeiten der edwardianischen Tierschutzbewegung, war die Ikone der britischen Antivivisektionsbewegung des frühen 20. Jahrhunderts sowie aktive Frauenrechtlerin.

Louise Lind-af-Hageby versuchte den Kampf gegen Tierversuche und anderweitigen Tiermissbrauch von einer nationalen politischen Ebene auf die internationale Bühne zu bringen. Dies zeigte sich insbesondere in ihren Bemühungen effektive global-internationale Netzwerke aufzubauen, Kongresse zu organisieren und Lobbyarbeit bei nationalen Regierungen und internationalen Behörden zu leisten.

Damit stand Louise Lind-af-Hageby als eine der Ersten dafür, Strategien für Tierschutz in einer sich zunehmend globalisierenden Welt anzustoßen, ja verkörperte auch biographisch die Kosmopolitin.

Die Reformerin

Sie wurde am 20. September 1878 unter dem Namen Emelie Augusta Louise Lind-af-Hageby in Stockholm geboren. Für ihre Freunde war sie jedoch “Lizzy”. Als Tochter aus gutem Hause, ihr Vater war ein vermögender Anwalt, genoss sie eine großbürgerliche Erziehung sowohl in Schweden als auch an einer Eliteschule in Großbritannien, dem Cheltenham Ladies’ College.

Mit 17 verließ sie die Schule und widmete sich in Schweden der Publikation und den Vorlesungen zu sozialen Themen. Ihr Interesse galt humanitären Reformbestrebungen wie der Abschaffung der Kinderarbeit und Prostitution, der Frauenemanzipation und der Armenhilfe.

Nachdem Lind-af-Hageby 1900 das Pasteur Institut in Paris besucht hatte, in dem an Tieren experimentiert wurde, entschied sie sich dafür, künftig gegen diese Praxis vorzugehen.

Sie trat kurz darauf der 1882 gegründeten schwedischen Antivivisektionsgesellschaft Nordiska Samfundet till Bekämpanda af det Vetenskapliga Djurplågeriet bei und wurde 1901 zu deren Ehrenvorsitzenden gewählt. Um noch effektiver gegen die Tierversuchspraxis vorgehen zu können, entschloss sie sich dazu, Informationen aus erster Hand zu sammeln.

Da Lind-af-Hageby aufgrund ihres Engagements in Stockholm bereits zu bekannt war, um derartige Studien durchzuführen, ging sie nach Großbritannien. Dort begann sie 1902 ein Studium der Medizin am University College of London.

Bereits nach wenigen Monaten veröffentlichte sie gemeinsam mit ihrer Freundin Leisa Schartau einen Erlebnisbericht mit Beobachtungen über die dort praktizierte Vivisektion.

Die streitbare Aktivistin

Nach der Veröffentlichung von “Shambles of Science” und der darauf folgenden gerichtlichen Auseinandersetzung avancierte Lind-af-Hageby zu einer der prominentesten Sprecher/innen für die Sache der Antivivisektion, einem heiß diskutierten Thema im edwardianischen Zeitalter.

Diese Diskussionen und auch die Protagonist/innen, von denen die Debatte bestimmt wurde, zogen die Öffentlichkeit derart in ihren Bann, dass der öffentliche Druck zur Errichtung einer Royal Commission on Vivisection führte, die ab 1906 die Wirksamkeit des so genannten “Vivisection Acts” von 1876 überprüfen sollte, ein Gesetz, das von der britischen Tierschutzbewegung als legitimierende Basis für den modernen Tierversuch galt. Auch Lind-af-Hageby sagte als Gutachterin vor der Kommission aus.

Drei Jahre später wurde die “Anti-Vivisection and Animal Defence Society” gegründet, deren Vorsitz sie übernahm. Diese Gruppierung war Nachfolgerin eines ab 1906 aktiven, eher losen Zusammenschlusses von Freunden, die Diskussionen und Debatten austrugen und sich unter dem Namen “Committee for Organising Miss Lind’s Lectures and Debates” engagierten. Dieses Komitee organisierte Fonds, um die Saalmieten für Vorträge zahlen zu können.

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International Anti-Vivisection Congress 1913 Washington, D.C.
Hintere Reihe: Mrs. Clinton Pinckney Farrell, Mrs. Florence Pell Waring. Vordere Reihe: Mrs. Caroline E. White, Miss Louise Lind-af-Hageby, Mrs. Robert G. Ingersoll © Library of Congress, Prints & Photographs Division, photograph by Harris & Ewing, reproduction number, e.g., LC-USZ62-123456

Die “Animal Defence Society” nahm den Kampf gegen die Tierausbeutung systematisch in Angriff. Zunächst legte man sich ein zentrales Büro an einem prestigeträchtigen Ort in Picadilly im Herzen Londons zu. Sogleich machte sich die umtriebige Lind-af-Hageby ans Werk, einen internationalen Kongress zu organisieren, an dem 250 Gruppen aus 30 Ländern teilnehmen sollten, weitere Kongresse folgten 1913 und 1927.

Die “Animal Defence Society” vermochte zumindest vorübergehend die Brücke zwischen Wissenschaft und Tierschutzbewegung zu schlagen sowie die Wogen zwischen gemäßigteren und radikaleren Antivivisektionsgruppen zu glätten, an deren Grabenkämpfen die Bewegung im spätviktorianischen Zeitalter gekränkelt hatte.

Die Propagandistin

Ab 1907 brachte Lind-af-Hageby die “Antivivisection Review” heraus. Aufgegriffen wurden Themen wie Impfgegnerschaft, Tiertransporte, Giftgasexperimente, Tiere im Film und vieles mehr. Berichtet wurde weiterhin über die zunehmend internationalen Bemühungen, der Tierausbeutung ein Ende zu setzen.

Zu Wort kamen neben prominenten Vivisektionsgegner/innen der medizinischen Fachrichtungen, Freidenker/innen, Intellektuelle, kirchliche und spiritualistische Autoritäten verschiedenster Konfessionen sowie die ganze Riege ihrer weiblichen Mitstreiterinnen neben Schartau vor allem die Duchess of Hamilton and Brandon.

Lind-af-Hageby unternahm weitläufige Vortragsreisen, die sie durch ganz Europa und bis in die Vereinigten Staaten führten. Hier traf sie sowohl auf Gegner/innen wie Befürworter/innen der Tierrechtsidee. Sie machte auch vor großen Namen nicht halt und warb auch um Partner, die jenseits ihrer politischen Couleur standen.

In den 1920ern traf sie sich sowohl mit dem amerikanischen Präsidenten Calvin Coolidge als auch mit dem Duce, Benito Mussolini. Viele bekannte Schriftsteller/innen, Diplomaten und Philanthrop/innen füllten die Seiten ihres Terminkalenders.

Bei all diesen Vorhaben zeigte sie sich mehr als bereit, den Kampf für die Rechtsausweitung auf Tiere gänzlich ohne männliche Patronage zu führen. Ein von ihr angestrebtes Verleumdungsverfahren gegen die Herausgeber der Pall Mall Gazette im Jahr 1912 bestritt sie ohne anwaltlichen Beistand und öffnete damit den Ort der Rechtsprechung für Frauen zumindest in ihrer positiven medialen Begleitung. Im gleichen Jahr nahm sie außerdem die britische Staatsbürgerschaft an.

Die Brown-Dog Affäre

Am bekanntesten in der Geschichtsschreibung der Tierschutzbewegung bleibt Lind-af-Hageby durch ihre Involvierung in die so genannten Brown Dog Riots.

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Die Originalstatue des “Braunen Hundes”

Diese ersten gewalttätigen Ausschreitungen im Protest gegen Tierversuche wurden von Lind-af-Hagebys Veröffentlichungen über den Tod eines kleinen Hundes am University College London 1903 ausgelöst. Der zunächst noch friedliche Protest richtete sich gegen die verantwortlichen Experimentatoren und die Trägerschaft der Universität. Zum symbolischen Gedenkort wurde ein Platz im Londoner Arbeiterviertel Battersea, das für seine sozialistische Gemeindeverwaltung bekannt war. Hier sollte ein Denkmal des Hundes errichtet werden. Battersea galt als Hochburg für Gewerkschaftler/innen, Sozialist­/innen und Suffragetten und als Wiege für radikale Gewerkschaftspolitik. Doch nicht jedermann pilgerte zum Denkmal, um sich des Leidens der Tiere zu erinnern. Im Gegenteil: Zahlreiche Medizinstudenten begriffen es als Affront gegen ihre Zunft und versuchten wiederholt das Denkmal zu zerstören. Sie hatten weder mit dem erbitterten Widerstand der Tierrechtsaktivist/innen noch der lokalen Bevölkerung gerechnet.

Über Jahre hinweg, von 1903-1910, kam es zu handgreiflichen Auseinandersetzungen sowohl in Battersea als auch im Londoner Stadtzentrum. Dort vermochte die organisierte Tierschutzbewegung zu Großdemonstrationen zu mobilisieren, an denen mehrere tausend Menschen teilnahmen.

Lind-af-Hageby profilierte sich hier wiederum als geschickte Organisatorin und als wortgewandte Oratorin. Schließlich wurde das Denkmal 1910 heimlich entfernt und nach einem kurzen Aufbegehren verpuffte der Protest.

Die umtriebige Campaignerin

Keinesfalls beschränkte sich Lind-af-Hageby auf Fragen des Tierschutzes. Auch in Großbritannien setzte sie sich für die feministische Sache ein. Sie war Mitglied der Women’s Freedom League (WFL) und gehörte den linksintellektuellen Zirkeln rund um die Fabian Society an. So war sie Mitglied der von 1891-1919 existierenden Humanitarian League und aktiv in deren Komitee für humane Ernährung sowie Vorstandsmitglied der London Vegetarian Society.

Darüber hinaus brach Lind-af-Hageby mit den vorgegebenen Geschlechterrollen auch auf andere Weise. Sie galt als leidenschaftliche Alpinistin und Autofahrerin.

Lind-af-Hageby stand zudem für einen Internationalismus ein, der Perspektiven jenseits des Nationalstaates propagierte. Daher muss sie als Teil der neuartigen sozialen Kampagnen betrachtet werden, die sich jenseits der klassischen philanthropischen Arbeit des viktorianischen Zeitalters entwickelten. Sie zeichnete sich zudem als gewissenhafte und kluge Betrachterin ihrer Zeit und als Protagonistin progressiver Kämpfe, die um sie herum stattfanden, aus.

Dies zeigte sich besonders in ihrer Bereitschaft, international tätig zu werden. So gründete Lind-af-Hageby während des Ersten Weltkrieges auf einer internationalen Konferenz in Genf mit der Unterstützung von 1.500 anderen Tierschutz- und Tierrechtsgruppen den Purple Cross Service für verletzte und kranke Kriegspferde, der Tierhospitäler in Belgien und Frankreich unterhielt, bei der die “Nationalität” der Tiere keine Rolle spielte. Sie war bekennende Pazifistin und Mitbegründerin des 1915 ins Leben gerufenen “International Committee of Women for Permanent Peace“.

Lind-af-Hageby offenbarte sich als gewandte Rednerin und literarisch begabte Chronistin der Bewegung. Dabei äußerte sie sich deutlich kritisch nicht nur gegenüber den philanthropischen Zugängen der zeitgenössischen Reformer/innen und dem Nationalismus, der von ihnen an den Tag gelegt wurde. Sie war bekennende Anti-Imperialistin und sprach sich auch gegen Versuche von britischen Tierschützer/innen aus, Tiergerechtigkeit mit einem moralistischen Unterton als Zivilisierungsmission in die Kolonien zu tragen.

Auch strategisch ist bei Lind-af-Hageby ein deutlicher Paradigmenwechsel in der Herangehensweise zur Tierversuchsproblematik zu erkennen. Sie entwickelte das Konzept des konstruktiven Antivivisektionismus, der sich vor allem auf medizinische Alternativen zu Tierversuchen konzentrierte.

Dieser Wandel kam jedoch nicht plötzlich, sondern kann als Zeichen ihrer persönlichen Entwicklung gesehen werden, der auch vor religiöser Umorientierung nicht halt machte. Von 1930 war Lind-af-Hageby gar Mitglied der “London Spiritualist Alliance”, deren Vorsitz sie von 1939-1943 übernahm. Sie führte auch ein eigenes Sanatorium: Beausoleil in Carqueiranne, Frankreich, das kriegstraumatisierten Kindern ein Ort der Erholung und Heilung bieten sollte.

Ab den 1950er Jahren engagierte Lind-af-Hageby sich insbesondere gegen die atomare Aufrüstung und gegen Nuklearversuche an Mensch und Tier. Sie verstarb 1963 in London, und obgleich sie Zeit ihres Lebens eine präsente Persönlichkeit war, ist ihr von der historischen Forschung und von der Tierschutzbewegung nur zögerlich die Aufmerksamkeit geschenkt worden, die sie verdient.

Es bleibt zu hoffen, dass ihre Spuren aufgegriffen werden, die sich immerhin durch ganz Europa, die USA und bis zum Hot Spot der internationalen Netzwerke in Genf verfolgen lassen.

Literatur

Kean, H. (2003), An Exploration of the Sculptures of Greyfriars Bobby, Edinburgh, Scotland, and the Brown Dog, Battersea, South London, England, in: Society and Animals 11/2003.

Mason, P. (1997), The Brown Dog Affair, London.

Roscher, M. (2009), Ein Königreich für die Tiere. Die Geschichte der britischen Tierrechtsbewegung, Marburg. (Rezension)

Roscher, M. (2010), Engagement und Emanzipation: Frauen in der Englischen Tierschutzbewegung, in: Tierische Geschichte, ed D. Brantz & C. Mauch, Paderborn.

Wöbse, A. K. (2011), Weltnaturschutz. Umweltdiplomatie im Völkerbund und den Vereinten Nationen, 1920-1950, Frankfurt/New York.

Mieke Roscher ist Sozialhistorikerin und Anglistin mit dem Schwerpunkt der Neueren und Neusten Geschichte Großbritanniens. Sie ist Vertreterin der historischen Human-Animal Studies. Ihr besonderes Interesse gilt geschlechterspezifischen und kolonialpolitischen Aspekten des Tierschutzes sowie den Möglichkeiten und Grenzen der Tierhistoriografie. Sie lebt in Bremen, wo sie unter anderem über die Kulturgeschichte der Tiere an der dortigen Universität lehrt. Zurzeit arbeitet sie an einem Forschungsprojekt zur imperialen Bedeutung von Tierschutz in Britisch-Indien. 2009 erschien von ihr die Monographie Ein Königreich für die Tiere (Marburg).
Weitere Veröffentlichungen: Votes for Women, Rights for Animals! – Wahlrecht für Frauen, Rechte für Tiere, in: Tierbefreiung 47/2005; “What will they be doing next – educating cows?” Überlegungen zur Nutzung der Frau-Tier-Natur Gleichsetzung, in: S. Witt-Stahl, ed., Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen, Aschaffenburg 2007; “Urban Creatures – Die britische Tierrechtsbewegung als urbanes Phänomen” und “Forschungsbericht Human-Animal-Studies”, beides in Informationen zur modernen Stadtgeschichte, Heft 2/09.

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