HĂĽhnerzucht mit schlimmen Folgen

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von Klaus Petrus // 27.10.2010

Das weltweite Geschäft mit den HĂĽhnern ist eine ĂĽble Sache. Zu Abertausenden auf engstem Raum eingesperrt, nimmt die Liste der “Berufskrankheiten” dieser auf Höchstleistungen gezĂĽchteten Tiere kein Ende mehr: EileiterentzĂĽndungen, Brustblasen, Beinschäden, Gelenkdeformationen, KnochenmarkentzĂĽndungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bauchwassersucht und Verfettung sind offenbar an der Tagesordnung.

Hirngespinste sentimentaler Tierfreunde? Nein. Die Angaben über die globale Hühner-Misere stammen aus der Branche selbst. Dass sie nur selten an die Öffentlichkeit gelangen, mag Gründe haben, kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier vieles im Argen liegt.

Tödlicher Hochleistungssport

Das Ăśbel sitzt tief und heisst Hochleistungszucht. Spätestens in den 1960er Jahren sprengte die Nachfrage nach billigen Eiern und HĂĽhnerbrust das Angebot. Die Lösung war eine zĂĽchterisch eingefädelte Arbeitsteilung: Während die einen am Design einer perfekten Eimaschine im Federkleid bastelten, konzentrierten sich andere auf zartes Fleisch. Seit diesen Tagen gibt es in der HĂĽhnerwelt entweder “Legehennen” oder aber “MasthĂĽhner”.

In beiden Fällen war und ist Leistungseffizienz das oberste Ziel. Man will die natĂĽrlichen Anlagen der Tiere bis an die Grenzen und darĂĽber hinaus ausschöpfen. Was gelungen ist: Ăśber 300 Eier im Jahr legt eine Henne inzwischen, das sind 100 mehr als noch vor 50 Jahren. MasthĂĽhner erreichen in nur 40 Tagen ein Gewicht von 2 Kilogramm, dann sind sie “schlachtreif” und werden in Windeseile zu Chicken Wings oder Grillhähnchen (die im Ăśbrigen ebenso GrillhĂĽhnchen sind) verarbeitet.

UnnĂĽtze KĂĽken: ein Fehler im System

Bei aller Perfektion dieser ZĂĽchtungsmaschinerie gibt es doch gravierende Fehler im System. So etwa die Sache mit den “Bibeli”. Aus exakt 52 Prozent der Eier einer Legehenne schlĂĽpfen männliche KĂĽken. Weil sie keine Eier legen und nicht dafĂĽr gezĂĽchtet wurden, in kurzer Zeit viel Fleisch anzusetzen – und also nicht rentieren –, mĂĽssen sie entsorgt werden. So werden in der EU alle Jahre wieder ĂĽber 300 Millionen KĂĽken sofort nach dem Schlupf in einem Häcksler lebendig zerkleinert oder aber vergast. Allein in der Schweiz sind es jährlich 2.3 Millionen.

Gerade der Bio-Szene sind diese Massentötungen ein Dorn im Auge. Eine Selektion, die dazu führt, dass die Hälfte der Nachkommen nicht leben darf, ist mit den hehren Grundsätzen des Ökologischen Landbaus – Nachhaltigkeit, artgerechte Haltung, ein langes Leben – nicht vereinbar. Und könnte, würden die KonsumentInnen davon erfahren, gewaltig am Image kratzen.

Alternativen sind kaum in Sicht. Das “Kombihuhn”, bei dem wieder alle Nachkommen einer Henne genutzt werden sollen – die Weibchen fĂĽrs Eierlegen, die Männchen fĂĽr die Mast – ist (noch) weit davon entfernt zu rentieren. Und alte, robuste, nicht schon verzĂĽchtete HĂĽhnerrassen sind nur schwer aufzutreiben. So bleibt auch den Bio-Betrieben nichts anderes ĂĽbrig, als ihre eierlegende Ware bei den Zuchtanstalten der Multis einzukaufen und die wirtschaftlich unnĂĽtzen “Abfall-KĂĽken” hinter verschlossenen TĂĽren zu entsorgen.

Verlagerung des Schwerpunkts

Mit den Turbo-HĂĽhnern kommen unweigerlich die Probleme in den Stall. Man geht davon aus, dass die meisten Krankheiten entweder das Produkt gezielter Selektion sind oder aber als Nebenfolgen zĂĽchterischer Eingriffe auftreten.

Besonders augenfällig ist das bei Skeletterkrankungen von Masthühnern. Sie sind auf einen überdimensionierten Brustmuskel gezüchtet, was buchstäblich zu einer Verlagerung des Körperschwerpunkts führt. Damit werden Beine und Hüfte einem enormen Druck ausgesetzt. Die Folge sind Gelenkdeformationen und Brüche. Unlängst haben Studien des britischen Landwirtschaftsministeriums ergeben, dass jedes dritte Masthuhn an schmerzhaften Beinverformungen leidet, also humpelt oder beim Laufen einknickt.

Bis zu 20 Poulets auf einem Quadratmeter

Eine schlechte Tierhaltung kann die Probleme weiter verschärfen. Tatsächlich wird der überwiegende Teil der weltweit gemästeten Hühner unter extrem intensiven Bedingungen gehalten. Betriebe mit 50.000 bis 100.000 Tieren sind keine Seltenheit mehr, eine Besatzdichte von bis zu 20 Hühnern auf einem einzigen Quadratmeter ist gemäss EU-Richtlinien erlaubt.

Auf derart dichtem Raum können sich die Tiere kaum bewegen – von arttypischem Verhalten wie Flügelschlagen, Scharren oder Sandbaden nicht zu reden. So bleiben die Hühner auf der häufig verschmutzten oder feuchten Einstreu hocken und holen sich dabei Entzündungen an Brust und Fussballen.

Eine “artgerechte” oder extensive Haltung, wie sie in der Ă–kologischen Landwirtschaft propagiert wird, soll den Schmerz lindern. Doch geben Skeptiker zu bedenken, dass gerade Tiere aus der Hochleistungszucht bereits angeschlagen sind und sich in den letzten Tagen oder sogar Wochen der Mast ohnehin nicht mehr richtig fortbewegen können. Die von Tierschutzverordnungen vorgeschriebenen Sitzstangen entpuppen sich häufig schon deswegen als Dekor, weil sie von den schweren, deformierten HĂĽhnern gar nicht mehr erreicht werden.

Gestörtes Gehirn, gestörtes Verhalten

Bei manchen Missständen wird eifrig darüber debattiert, inwieweit sie zuchtbedingt sind. Ein bekanntes Beispiel ist das auch auf Bio-Höfen verbreitete Federpicken. Einige ExpertInnen glauben, es handle sich dabei um eine gestörte Futteraufnahme; sie komme zustande, weil Küken in der isolierten Aufzucht von ihren Eltern nicht lernen können, ihr Nahrungsverhalten nur auf Essbares und nicht auf Artgenossen zu richten.

Andere führen die Störung auf eine genetisch bedingte Aggressionssteigerung zurück. Tatsächlich wird im Falle von Masthühnern vermutet, dass durch die Selektion auf hohe Futteraufnahme ihr Sättigungszentrum im Gehirn gestört wurde. Das Resultat: Sie picken auch dann weiter, wenn sie physiologisch gesehen schon satt sind, was untereinander zu Auseinandersetzungen und Verletzungen führen kann.

Dieses Phänomen gibt es auch bei den Elterntieren der Masthühner, wenn auch unter verkehrten Vorzeichen: sie werden bewusst auf Diät gesetzt. Da sie für die Zucht gebraucht werden, dürfen sie nicht bereits nach wenigen Wochen unter ihrem Gewicht zusammenbrechen. Deshalb werden die Tiere restriktiv gefüttert, sie erhalten 60 bis 80 Prozent weniger Nahrung. Das unablässliche Hungergefühl führt zu einem gesteigerten Aggressionsverhalten, es löst Stress und damit Federpicken oder sogar Kannibalismus aus.

Hauptsache Schadensbegrenzung

Viele dieser schlimmen Folgen der Zucht möchte man am liebsten wieder zĂĽchterisch in den Griff bekommen. Zum Beispiel sollen die Knochen- und Gelenkschäden der MasthĂĽhner “kompensiert” werden, indem man die Entwicklung des Bewegungsapparates zĂĽchterisch beschleunigt. Oder man versucht Federpicken und Kannibalismus aus der HĂĽhnerwelt zu schaffen, indem man “federloses GeflĂĽgel” erzeugt.

Aber so richtig will das (noch) nicht gelingen. Deshalb bleibt offenbar nichts anderes, als die Hühner den ökonomischen Sachzwängen anzupassen. Damit sie sich nicht gegenseitig totpicken, wird ihnen mit einer heissen Klinge die Hälfte ihrer Schnäbel weggebrannt.

In der Schweiz ist das inzwischen verboten. Stattdessen wird den kleinen Tieren “bloss” der vorderste Teil des schmerzempfindlichen Schnabels abgetrennt.

“Die Anwendung natĂĽrlicher und kĂĽnstlicher Zucht- und Reproduktionsmethoden darf bei den Elterntieren und bei den Nachkommen keine durch das Zuchtziel bedingten und damit verbundenen Schmerzen, Leiden, Schäden oder Verhaltensstörungen verursachen.” (Art. 10 Abs. 1 TSchG)

Dieser Artikel ist erstmals erschienen im Bulletin 2/2010 von tier-im-fokus.ch (tif).

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